NS-Vergangenheit von Franz Mann

Verwandtschaft zu Max Günsberg: Schwiegervater, Vater seiner zweiten Frau Gerlinde

Historischer Kontext

Im Jahr 1920 entsteht die NSDAP in Deutschland. 1923 kommt es in Deutschland zu einem erfolglosen Putschversuch, die Partei wird danach verboten. In den Folgejahren reorganisiert sich die Partei und erstarkt die nationalsozialistische Bewegung in Deutschland. Noch in den 1920er Jahren organisiert sich die NSDAP auch in Österreich.

30.Jänner 1933 – Adolf Hitler wird zum deutschen Reichskanzler ernannt. In Österreich versucht die NSDAP kurz nach Hitlers Antritt zur Kanzlerschaft gewaltsam an die Macht zu kommen, bleibt jedoch trotz etlicher Terroranschläge erfolglos und wird deshalb am 20. Juni 1933 im damals austrofaschistischen Ständestaat verboten. Die NSDAP ist also, allerdings nur in Österreich, von 1933 bis 1938 illegal.

Der Austrofaschismus war zwar wie der Nationasozialismus ebenfalls autoritär, bildete jedoch zu diesem ein christlich, vor allem katholisch getragenes Gegengewicht. Die nationalsozialistischen Anhänger und Funktionäre sind also jetzt im Untergrund tätig und schielen neiderfüllt nach Deutschland, wo die politischen Gegner, allen voran Kommunisten und Sozialisten, aber auch konkurrierende konservative Mitbewerber, ab diesem Zeitpunkt sukzessive und rasant eliminiert werden und die Ausgrenzung von Juden bereits beginnt.


Am 12.März 1938 kommt es zum Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland. Jetzt, plötzlich wieder legal, kriechen die österreichischen Nazis aus ihren Löchern und holen innerhalb von Tagen all das nach, was in Deutschland einige Jahre in Anspruch nahm. Dies erklärt zum Teil die ungeheure Wucht und Geschwindigkeit, mit der die Brutalität der österreichischen Nazis vor allem über die jüdische Bevölkerung Österreichs hereinbrach.

Mai 1945 – der zweite Weltkrieg ist vorbei. Vorerst suchen die Militärverwaltungen der Siegermächte selbst nach hochrangigen Nazis. Schon sehr bald aber kommt die Verfolgung der nationalsozialistischen Verbrechen in österreichische Hände. Noch im Mai 1945 ergeht das erste Verbotsgesetz, das erstens sämtliche NS-Betätigung verbietet und gleichzeitig festlegt wer als Nazi anzusehen ist, ob derjenige mehr oder weniger belastet ist, und welcher „Sühnepflicht“ er unterliegt. Das Gesetz wird später noch mehrmals modifiziert. Natürlich will plötzlich keiner bei der NSDAP gewesen sein und die entsprechenden Unterlagen werden tunlichst vernichtet oder versteckt.

Nationalsozialisten müssen sich, unter Strafandrohung bei Unterlassung, selber bei den damit betrauten Bezirksverwaltungsbehörden melden und werden registriert. Die vorgeblich (?) ehemaligen Nazis sehen sich dabei mit einem Problem konfrontiert: gegen Kriegsende wird versucht möglichst alle diesbezüglichen Papiere zu vernichten. Während das in weiten Teilen des deutschen Reiches auch gelingt, ist die Durchführung in Wien aufgrund der schnellen Annäherung der Front ebenso überhastet wie stümperhaft. Sie ist nur zum Teil erfolgreich, da der Ofen im Keller des Parlaments viel zu voll gestopft wird, was dazu führt, dass aufgrund der mangelhaften Verbrennung der überwiegende Teil der sogenannten "Gauakten" (etwa eine halbe Million) unversehrt bleibt. Vorerst jedoch werden diese hochbrisanten Akten vom österreichischen Innenministerium geheimgehalten, um sie dem Zugriff und der möglichen Verschleppung durch russische Besatzer zu entziehen. Aber auch noch lange nach dem Abzug der Besatzungstruppen im Jahre 1955 sollten die "Gauakten" fallweise als Druckmittel gegenüber dem jeweiligen politischen Gegner dienen. Daher wurde wiederholt deren Vernichtung gefordert, die jedoch glücklicherweise nicht umgesetzt wurde. Erst im Jahr 1990, also nach dem in Österreich viel zu spät erfolgten Beginn der Aufarbeitung der NS-Zeit in Folge der Waldheim-Affäre, fanden die Akten den Weg vom BMI in das Archiv der Republik.

Es weiß nach Ende des Krieges jedenfalls keiner, ob über ihn Unterlagen da sind oder nicht.


Unterscheidung zwischen belasteten und minder belasteten Nazis:
Ab dem Anschluss Österreichs 1938 war es schwierig, sich dem nationalsozialistischen System zu entziehen und so mancher trat aus Opportunismus und nicht aus Überzeugung der NSDAP bei. Diese Leute konnten sich auch meist erfolgreich auf die Umstände berufen und galten als nicht oder schlimmstenfalls minder belastet.

Als (schwer) belastet galten hingegen Parteimitglieder, die entweder eine Parteiauszeichnung erhalten, der SS angehört, oder eine politische Funktion innegehabt hatten. Zudem waren diejenigen, die bereits vor 1938 und damit in Österreich illegal aktiv waren, ohnehin strafverfolgungswürdig im Sinne der Vorkriegs-Gesetzgebung. Und von diesen überzeugten und damit schwer belasteten Nazis gab es nicht allzu viele.

Mein Großvater war einer von ihnen.



NS-Vergangenheit meines (Gerhard Günsberg) mütterlichen Großvaters Franz Mann
Die NS-Vergangenheit meines Großvaters ist geradezu beispielhaft für viele nationalsozialistische Karrieren, und er versucht natürlich nach dem Krieg seine Rolle herunterzuspielen. Er gibt bei der Registrierung 1945 an erst nach dem Anschluss Österreichs 1938 der NSDAP beigetreten zu sein und ersucht um Streichung von der Nazi-Registratur, da er ja nur der Form halber dabei gewesen sei und ihm gesagt worden wäre, dass er so leichter an einen Job kommen könne. Dummerweise gibt es aber Aufzeichnungen über ihn und er dürfte wohl auch nicht über die nötigen Verbindungen verfügen, die so manchem anderen oder höherrangigen Funktionär bei der plötzlichen Unauffindbarkeit/Beseitigung seines Aktes durch bestechliche Beamte im Innenministerium zustatten kommen. Im Jahr 1946 kommt laut einem "Personalblatt zum Volkssturmaufgebot "zutage, dass er bereits am 20.03.1933, also noch vor dem Verbot der Nazis in Ö, als gerade einmal ca. 50.000 Österreicher Parteimitglieder waren, beigetreten ist (Mitgliedsnummer 1.608.990) und demnach gelogen hat. Zu dieser Zeit (1933) war er als 21-jähriger ausgebildeter Techniker schon seit Jahren arbeitslos gewesen und half im Milch- und Buttergeschäft seiner Mutter in der Markthalle in der Burggasse in 1080 Wien aus. Eine Anstellung als Techniker konnte er auch in den Folgejahren bis 1938 nicht ergattern. Stattdessen war er als braves Parteimitglied auch anderen parteinahen Organisationen beigetreten, so der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV)", der "Deutschen Arbeitsfront (DAF)", dem "Reichsluftschutzbund (RLB)" und auch dem "Deutschen Roten Kreuz (DRK)".

Zugute kommt ihm 1946, dass die oberhalb beschriebenen "Gauakten", die ihrer Vernichtung ja nur zufällig entgangen waren, vom österreichischen Innenministerium vorerst geheimgehalten werden. Diese Akten beinhalten nämlich noch wesentlich mehr Informationen und belastendes Material als das angesprochene "Personalblatt für das Volkssturmaufgebot". Durch die Geheimhaltung der Gauakten bleibt seine weitaus kompromittierendere illegale nationalsozialistische Betätigung in der Verbotszeit zwischen 1933 und 1938 und sogar schon früher vorerst unbekannt und trägt diese auch nicht zu seiner Beurteilung bei. Wie aus einem Aktenvermerk ersichtlich ist, wurde der Akt von Franz Mann erst im Jahr 1967 von einem Dr. Danzinger aus unbekanntem Grund gesichtet.


Laut dem erwähnten Gauakt über Franz Mann war er seinen eigenen Angaben zufolge bereits im Dezember 1931 der Partei beigetreten. Da als offizielles Datum jedoch der 20.03.1933 aufscheint und seine Mitgliedsnummer auch dem Nummernkreis von 1933 entspricht, dürfte er sich möglicherweise als Sympathisant schon vor der Aufnahme in die Partei an deren Aktionen beteiligt haben. Sein etwas prahlerischer Stil in seinen eigenen Angaben lässt darauf schließen, dass er als besonders eifriger Nationalsozialist mit einem besonders frühen Beitrittsdatum Eindruck schinden wollte. Er folgte damit, mit gerade einmal 19 Jahren nach seiner erst kurz zuvor abgeschlossenen Schulausbildung, dem Beispiel etlicher orientierungsloser Jugendlicher, die angesichts von Massenarbeitslosigkeit und hoffnungslosen Job-Aussichten infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 leichtgläubige Anhänger vollmundiger populistischer Versprechungen wurden. 



In der Zeit zwischen 1931 und 1933 war Franz Mann in der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP, der SA (Sturmabteilung) aktiv und wohl einer derjenigen, die politische Gegner und sonstige "Unerwünschte" terrorisierten und verfolgten und sich Straßenschlachten mit anderen politischen Gruppierungen lieferten. Ihre Hauptziele waren in erster Linie die Sozialdemokraten, die Kommunisten und andere linke Organisationen, aber auch jüdische Mitbürger wurden oft zum Ziel von SA-Gewalt. Es ist sogar möglich, dass er in dieser Zeit unbekannterweise seinem, nur acht Jahre jüngeren, späteren jüdischen Schwiegersohn Max Günsberg, der ja ebenso wie er im dritten Bezirk zu Hause war und ab Mai 1933 der durchaus gewaltbereiten zionistischen Jugendorganisation BETAR angehörte, bei diversen Zusammenstößen auf der Straße begegnete.

Am 20. Juni 1933 wurden die NSDAP und auch die SA nach einer Reihe von Terroranschlägen in Österreich verboten und waren danach illegal im Untergrund tätig.

Franz Mann schloss sich in dieser Zeit auf Geheiss der nunmehr illegalen SA offenbar zur Tarnung der Vaterländischen Front an, der faschistischen österreichischen Einheitspartei. Die Unterwanderung maßgeblicher Körperschaften war ja bewährte nationalsozialistische Taktik und nur so konnte die Übernahme der Staatsmacht nach dem Anschluss Österreichs so unfassbar schnell vonstatten gehen. Franz Mann bemühte sich in der Verbotszeit (1933 bis 1938) insbesondere um die Sanitätsabteilung der SA in Wien und war beim Aufbau der Sanität im dritten Wiener Gemeindebezirk federführend tätig. Der Bedarf an medizinischer Versorgung für die illegalen Nationalsozialisten kann gut nachvollzogen werden, da sie nach Prügeleien und Zusammenstößen wohl kaum die öffentliche Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen konnten, um nicht gleich danach im Gefängnis zu landen. In der Wohnung seiner Mutter in der Marokkanergasse 1 wurden Sanitätskurse und Besprechungen abgehalten und Franz Mann avancierte im Auftrag des SA-Standartenführers Hauptmann Schnaut sogar zum militärischen Führer der Standartensanität.


Seine illegalen NS-Aktivitäten konnten jedoch auf Dauer trotz seiner Scheinmitgliedschaft bei der Vaterländischen Front nicht unentdeckt bleiben. Im Mai 1935 musste er offenbar untertauchen um einer Verhaftung zu entgehen. Zu diesem Zweck fuhr er nach Oberösterreich, das, vor allem in Linz und Wels, während der Verbotszeit als Bastion der NSDAP galt. Im kleinen Ort Thanstetten, Hilbern 32, fand er Unterschlupf. Ob Franz Mann aufgrund familiärer Bande oder durch Freunde/Bekannte dorthin kam, ist nicht bekannt. Hier in Thanstetten lebte er bei der Familie des Tischlermeisters Karl Senft, der später ebenfalls NSDAP Mitglied werden sollte. Dessen Frau Maria, die gleichfalls NSDAP Mitglied war, hatte zwei Brüder, ebenfalls Tischler, die so wie Franz Mann altgediente Parteigenossen waren, die so wie er der SA angehörten und sogar schon etwas früher als er der NSDAP beigetreten waren. Im August 1933 waren sie aufgrund des Verbotes der NSDAP in Österreich (20.06.1933) nach Deutschland geflohen und gehörten dort der "österreichischen Legion" an. Diese aus Exil-Österreichern bestehende paramilitärische Einheit strebte den raschen, auch gewaltsamen, Anschluss Österreichs an das deutsche Reich an.

Nach dem Juliabkommen von 1936 konnten die beiden Brüder wieder nach Österreich einreisen. Durch dieses sogenannte "Juliabkommen" zwischen Hitler-Deutschland und dem österreichischen Ständestaat war die NSDAP in Österreich zwar weiterhin verboten, ihre straffällig gewordenen Parteigänger wurden jedoch amnestiert und weitgehend handlungsfähig. Zuvor wären sie bei einer Einreise wohl umgehend verhaftet worden, da ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft nach ihrer Flucht aberkannt worden war und sie nur einen deutschen Flüchtlingspass besaßen. Bei diesen Parteigenossen handelte es sich um die Brüder Mathias Obermayr und Rudolf Obermayr, zwei Tischler aus Neukematen, einem Nachbarort von Thanstetten. Rudolf Obermayr galt durch seinen frühen Beitritt im August 1932 sogar als "alter Kämpfer" und damit als bevorzugtes Parteimitglied.

Und es sollte nicht lange dauern, bis Franz Mann eine noch ledige Schwester der beiden, Julianna Obermayr, kennen und lieben lernte, die er dann 1938 auch heiraten sollte.

Bis zum Juliabkommen war er wohl darauf bedacht nicht aufzufallen, danach, im Sommer 1936, suchte Franz Mann wieder Anschluss an die NSDAP und fand diesen im Nachbarort Neukematen in der Ortsgruppe Neukematen/Piberbach, also in der Ortsgruppe der Brüder Mathias und Rudolf Obermayr.


Familie Obermayr ca. 1940

Im Kreis der Familie Obermayr war Franz Mann gut aufgehoben. Es war offenbar eine NS Vorzeigefamilie. Ein wesentliches Argument dafür war wohl der katholisch geprägte österreichische Ständestaat (1934-1938), den Protestanten wie die Familie Obermayr oft als Periode der Unterdrückung empfanden und dadurch diese der NSDAP förmlich in die Arme trieb. Auch viele evangelische Geistliche unterstützten den Anschluss Österreichs und waren Anhänger des Nationalsozialismus, wie zum Beispiel der damalige oberösterreichische Superintendent Hans Eder.
Das Bild dürfte 1938/39 entstanden sein:

  • Mutter Maria Obermayr (1879-1952) mit einer Brosche der deutschen Frauenschaft, dem für Frauen gedachten Pendant zur NSDAP. Gleichwohl war sie ab Mai 1938 auch eingetragenes Parteimitglied.

Alle männlichen Familienmitglieder tragen stolz das NSDAP Abzeichen am Revers:

  • Vater Franz Obermayr (1879-1951), Tischlermeister in Neukematen, Brandstatt 13, sowie seine drei Söhne, von links nach rechts
  • Rudolf Obermayr (1908-1982), Tischler
  • Franz Obermayr (1904-1967)
  • Mathias Obermayr (1906-1986), Tischler


Die NS-Gesinnung lässt nur bedingt Rückschlüsse auf den Charakter zu: so wie Franz Mann mir [Gerhard Günsberg] ein liebevoller Großvater war, waren auch meine Großonkel Rudolf und Mathias die liebsten Onkel, die man sich vorstellen kann.


Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland am 12. März 1938 und dem damit verbundenen Umbruch, der die Nationalsozialisten aus der Illegalität praktisch über Nacht an die Schalthebel der Macht katapultierte, wurde er vorerst zum Gemeindewahlleiter und organisierte in dieser Gemeinde wohl auch die Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das deutsche Reich am 10.04.1938, die den Anschluss nachträglich legitimieren sollte. Zudem führte er nach seinen Angaben eine eigene Ortsgruppe und auch die Ortskasse in Thanstetten, die später jedoch nicht als Ortsgruppe, sondern lediglich als Gemeindezelle geführt wurde.


Ob ihm die Aufsicht über die Ortskasse von Thanstetten bei der Beschaffung seines Motorrades 1937 zugute kam entzieht sich ebenso meiner Kenntnis wie das Wissen um die dafür nötigen Geldmittel als Langzeitarbeitsloser. Dass das Milch- und Buttergeschäft seiner Mutter die entsprechenden Erträge abwarf darf bezweifelt werden.

Franz Mann und seine Julianna im Jahr 1937 mit dem wahrscheinlich erst kurz zuvor erworbenen Puch-Motorrad vor dem Garten der Familie Mann in Ober St.Veit in 1130 Wien.


Im Frühjahr 1938 wechselte er von der römisch-katholischen zur evangelischen Glaubensgemeinschaft und heiratete am 05.Juni 1938 seine Julianna in deren Heimatort Neukematen (eine der wenigen evangelischen "Toleranzgemeinden" in Oberösterreich).


Volksstimme Seite 9 vom 15.07.1938

Mitte Juli 1938 trat Karl Steyrleitner die Nachfolge von Franz Mann als kommissarischer Leiter der Ortsgruppe Sierning (Thanstetten) an. Daraufhin kehrte Franz Mann mit seiner frisch angetrauten Julianna nach Wien in die Wohnung seiner Mutter in der Marokkanergasse 1 zurück.


Seine eifrige Tätigkeit für die Partei sollte schon bald Früchte tragen: wie von Zauberhand bekam er, der zuvor nie eine Beschäftigung in seinem Berufsfeld erhalten konnte, bereits im August 1938 plötzlich einen gut dotierten Job bei der Stahlbaufirma Rotter in der Erdbergstraße 10 im dritten Bezirk. Sein Arbeitgeber Heinrich Rotter war ab 1940 ebenfalls NSDAP-Mitglied. Zudem wurde Franz Mann bei Kriegsbeginn im September 1939 als UK (unabkömmlich) eingestuft und musste daher nicht einrücken. Vorerst, bis 1941, war er hauptsächlich für die Konstruktion und Instandsetzung von kleineren Brücken in Wien und Umgebung verantwortlich.

Franz Mann im Garten der Familie Mann in Ober St.Veit am 20. April 1941.
Unübersehbar prangt das Abzeichen der NSDAP an seinem Revers.

Auf dem Foto ist nicht erkennbar, ob es sich um ein normales Abzeichen handelte oder um das goldene Ehrenzeichen, die dritthöchste Auszeichnung der NSDAP. Das goldene Ehrenzeichen erhielten vorwiegend die "alten Kämpfer", die bereits vor der sogenannten "Machtergreifung" im Jänner 1933, als Hitler deutscher Reichskanzler wurde, der Partei beigetreten waren. Als offizielles Datum für den Beitriff von Franz Mann scheint der 20.03.1933, also kurz danach auf. Er selbst schrieb jedoch von seinem erstmaligen Beitritt im Dezember 1931.


Auch seine Konfession wechselte er streng systemtreu wie die allermeisten überzeugten Nationalsozialisten am 24.Mai 1939 in "gottgläubig". Als gottgläubig galt, wer sich von den anerkannten Religionsgemeinschaften abgewandt hatte, jedoch nicht glaubenslos war. Die Einführung des Begriffs war der Versuch, eine religiöse Identifikationsformel für Nationalsozialisten jenseits der Kirchen und sonstigen Glaubensgemeinschaften zu schaffen. Das Beiwort bezeugte einen Kirchenaustritt und galt somit in diversen Positionen der Verwaltung als „Ausweis besonderer ideologischer Nähe zum Nationalsozialismus".

Diesen Schritt hatte er jedoch offenbar aus Opportunismus und nicht aus Überzeugung gesetzt, da er sehr bald nach Kriegsende (Mai 1945) am 22.09.1945 bereits wieder in die evangelische Glaubensgemeinschaft aufgenommen wurde.


Da ab 1942 alliierte Bomber die Rüstungsbetriebe in Deutschland massiv bedrohten, wurde ein erheblicher Teil der deutschen Rüstungsproduktion nach Österreich verlagert, das vorläufig (bis 1943) noch außerhalb der Reichweite der Bomber lag. Eines der wichtigsten Rüstungswerke im deutschen Reich waren die Raxwerke in Wiener Neustadt. Diese hatten jedoch aufgrund der an der Front als Soldaten eingesetzten Arbeitskräfte mit einem massiven Facharbeitermangel zu kämpfen. Daher, und auch um die Produktion aus Sicherheitsgründen zu dezentralisieren, wurden viele Produktionsbereiche an kleine und kleinste Betriebe ausgelagert. Auch Franz Manns Arbeitgeber, die Firma Stahlbau Rotter, war daran beteiligt und Franz Mann war, seinen eigenen Angaben seinem Sohn gegenüber entsprechend, mit der Herstellung von Lokomotivbauteilen und Steuerungsteilen für die berühmt-berüchtigte "Vergeltungswaffe" V2/A4 betraut. Seine Angaben sind zweifellos korrekt, denn genau diese Produkte wurden in den Raxwerken hauptsächlich hergestellt: Lokomotiv-Teile (hauptsächlich Schlepptender) für die Versorgung der kämpfenden Truppe und die revolutionäre Vergeltungswaffe "Aggregat 4", die lediglich an drei Standorten gefertigt wurde - eben in Wiener Neustadt (Raxwerke), in Friedrichshafen (Zeppelin-Werke) und in Peenemünde (HVA/Heeresversuchsanstalt).

Franz Mann im August 1943, mutmaßlich in Wien, stolz in Pose vor einer Tafel mit dem berühmten Ausspruch Adolf Hitlers (Rede am Wiener Rathaus am 9.April 1938).


Weiters wird aus den "Volkssturm"-Aufzeichnungen bekannt, dass er ab 1941 Blockwart war (die kleinste Charge der Parteifunktionäre, Aufseher über einen Häuserblock) und 1942 zu einem provisorischen Zellenleiter der Ortsgruppe Heumarkt (ca. 5-12 Häuserblocks) im 3. Bezirk aufstieg. Dass es bei einem Provisorium blieb und er keinen weiteren Aufstieg in der NS-Hierarchie erlebte lag wohl daran, dass er trotz großer Bemühungen keinen einwandfreien Arier-Nachweis erbringen konnte. Das entsprechende Dokument ist überliefert und offenbart einige Lücken.

Bereits Ende 1943/Anfang 1944, noch rechtzeitig vor dem ersten Bombenangriff auf Wien am 17.03.1944, brachte er seine Frau und seine kleine Tochter Gerlinde bei den oberösterreichischen Verwandten in Neukematen in Sicherheit. 

Gegen Ende des Krieges wurde Franz Mann zum sogenannten Volkssturmaufgebot einberufen. Hierbei kam ihm erneut seine Klassifizierung als "UK", also in seinem Beruf kriegswichtig und unabkömmlich, zugute. Das Aufgebot II bildeten Männer von 16 bis 50 Jahren, die einen als kriegswichtig erachteten Beruf ausübten und deswegen unabkömmlich gestellt waren. Diese Einheiten wurden immer nur kurzzeitig und in unmittelbarer Heimatnähe eingesetzt, um mögliche Rüstungsproduktionen nicht zu stören.

Familieninterne Gerüchte aus meiner Kindheit besagten, dass er nach dem Einmarsch der roten Armee in Wien von russischen Soldaten "an die Wand gestellt" und mit der Erschießung bedroht worden sei. Offensichtlich war er demnach entgegen seinen späteren Beteuerungen in seinem Umfeld ein alles andere als unbeschriebenes Blatt, wie sonst hätten die Besatzer von seiner Stellung und Funktion Kenntnis erlangt. In seiner bzw. der Wohnung seiner Mutter in der Marokkanergasse 1 waren ja, wie oben angeführt, bereits in den Zeiten der Illegalität Nazis und SA-Männer ein- und ausgegangen. Da ich meinen Großvater noch kennenlernen durfte, ist er der Erschießung jedenfalls entgangen.

Nach dem Krieg war Österreich in Besatzungszonen aufgeteilt und das Reisen zwischen den Zonen war schwierig. Eine der der wenigen akzeptierten Reisebegründungen waren Familienzusammenführungen. Auf diese Weise konnte er am 25. Mai 1945, also bereits kurz nach der bedingungslosen Kapitulation Hitler-Deutschlands (08.05.1945), von der sowjetischen Zone, zu der der dritte Wiener Bezirk gehörte, in die amerikanische Zone zu seiner Frau und deren Familie in Neukematen in Oberösterreich reisen. Er kehrte samt Frau und 5-jähriger Tochter erst im September wieder nach Wien zurück.

Auch ohne Kenntnis seiner Aktivitäten in der Verbotszeit (siehe Geheimhaltung der "Gauakten" weiter oben) reichen die Fakten aus den Volkssturmunterlagen für die 1946 erfolgte Beurteilung und Registratur aus: während ein Blockwart lediglich als "minder belastet" eingestuft wird, gilt ein Zellenleiter (der er ja war) als politischer Funktionär und "erheblich belastet". Daher bleiben seine Bemühungen um Streichung oder Modifikation seiner NS-Vergangenheit erfolglos und er gilt trotz all seiner Beteuerungen durch seine politische Funktion als Zellenleiter als erheblich belastet.


So wie viele andere erheblich Belastete aufgrund des Wirtschaftssäuberungsgesetzes (Verfassungsgesetz vom 12. September 1945 über Maßnahmen zur Wiederherstellung gesunder Verhältnisse in der Privatwirtschaft) arbeitslos wurden, verlor auch Franz Mann am 15.02.1946 seine Anstellung bei der Firma Rotter. Die Bemerkung "...Der Verhältnisse halber..." im entsprechenden Kündigungsschreiben gibt diesen Sachverhalt wieder. [Wie sich doch die Zeiten innerhalb kurzer Frist ändern können: keine acht Jahre zuvor hatte im Juli 1938 sein späterer Schwiegersohn Max Günsberg seinen Job "...aufgrund der Verhältnisse..." verloren, da er Jude war]

Er konnte jedoch bereits am selben Tag eine neue Stelle als Leiter des technischen Büros bei der Eisenkonstruktions-Werkstätte Franz Knotz KG antreten. Die NS-Netzwerke dürften also nach dem verlorenen Krieg weitestgehend intakt geblieben sein und gerade Stahlbaufirmen wie die Firma von Franz Knotz, die ja am Krieg gut verdient hatten, erwiesen sich oft als Sammelbecken der "Ehemaligen". Die wenigsten dieser Firmen haben sich bis heute ihrer NS-Vergangenheit gestellt. Eindrucksvolles Beispiel für einen solchen Betrieb ist auch die bekannte Firma JOKA in Schwanenstadt, deren langjährige Chefs, der Firmengründer Johann Kapsamer und sein Sohn Hans Kapsamer bis in die 1980er Jahre als Aufnahmekriterium für neue Mitarbeiter eine einschlägige ehemalige Mitgliedschaft einforderten und dies auch bei Interviews und Stellungnahmen freimütig bekannten. Bis heute sucht man eine diesbezügliche Stellungnahme oder auch nur eine Erwähnung auf der Firmen-Homepage jedoch vergeblich.  

Durch seine NS-Vergangenheit als "Belasteter" wurde ihm wohl auch der Ingenieur-Titel erst 1956 verliehen. Bis 1955 galten für Belastete nämlich erhebliche Einschränkungen, die, oh Wunder, kurz nach Abzug der Besatzungstruppen aufgehoben wurden.

Resümee:  Ob bei ihm, wie er in seinen Rechtfertigungen angibt, tatsächlich irgendwann ein Gesinnungswandel stattgefunden hat, muss ernsthaft bezweifelt werden. Natürlich könnte er sich, wie er schreibt, bezüglich seiner Funktionärstätigkeit tatsächlich in einer Zwangslage befunden haben, da er als UK (unabkömmlich, also kriegswichtig) in seiner Firma beschäftigt war und dadurch nicht an die Front musste und dies möglicherweise kritisch beäugt wurde.

Seine nachstehende Rechtfertigung offenbart übrigens einiges über den nationalsozialistischen Zeitgeist unmittelbar nach dem Krieg: die "katastrophalen Folgen für Österreich" werden als Beweggrund für einen angeblichen Sinneswandel angeführt. Die mörderische und menschenverachtende Brutalität des Regimes, die zig Millionen von Opfern forderte, ist ihm keine Silbe wert und für ihn augenscheinlich kein Grund, dieses Regime abzulehnen. Als willfähriges Werkzeug dieses Regimes war er zu einer humanistischen Weltsicht offenbar gar nicht in der Lage. Dies mit seinem liebevollen Umgang als Großvater mir gegenüber in Einklang zu bringen, fällt mir nach wie vor schwer. Passend dazu die Worte von Primo Levi: ..."Monsters exist, but they are too few in number to be truly dangerous. More dangerous are the common men, the functionaries ready to believe and to act without asking questions."



Es spricht jedenfalls wesentlich mehr gegen einen wie auch immer gearteten Gesinnungswandel:
  • Die fadenscheinigen Ausreden in seinen schriftlichen Stellungnahmen ("…habe Datum vergessen…ungefähr im Mai oder Juni…Mitgliedskarte verloren…weiß nicht, ob eine Mitgliedsnummer draufgestanden ist...") sprechen für sich, er wollte sich verständlicherweise herausreden.
  • Als, wie er in seinen Stellungnahmen stets beteuerte, unwilliges und unliebsames Parteimitglied hätte er wohl kaum innerhalb eines Jahres den Aufstieg vom Blockwart zum Zellenleiter absolviert. Der weitere Aufstieg in der Parteihierarchie wurde ihm vielmehr durch seinen lückenhaften Arier-Nachweis erschwert.
  • Als seine Tochter (meine Mutter Gerlinde) 1959, also lange nach Kriegsende 1945, einen jüdischen Mann (meinen Vater Max) kennen und lieben lernte, warf er sie kurzerhand aus der elterlichen Wohnung.
  • Auch die Namensgebung seiner Kinder liefert, wenn schon keinen Beweis, so doch ein Indiz für seine Einstellung zum Nationalsozialismus:
    Adolf Hitler persönlich forcierte die „Germanisierung“ Deutschlands und der eroberten Gebiete. Und das auf jeder nur denkbaren Ebene. Auch die Familienplanung wurde kruden rassischen Gesichtspunkten untergeordnet. Unter anderem auch durch eine entsprechende Namensgebung für Neugeborene. Es sollten die bis dahin vorherrschenden christlichen und sonstigen Namen aus dem Volkskörper nach und nach verschwinden. Und so wundert es nicht, dass in Österreich von 1938 bis 1945 praktisch ausschließlich „nordische-germanische“ Namen in den Taufbüchern stehen. Während also die Namen Anna, Maria, Josef und ähnliches (jüdische Namen sowieso) verpönt waren, wurden die Kinder stattdessen Gertrude, Gerhild, Hannelore bzw. Gerhard usw. getauft.
    Im Jahr 1940 erfolgte die Geburt seiner erstgeborenen Tochter. Obwohl in seiner Familie bis dahin ganz klassische Vornamen wie Johann und Maria üblich waren und unter seinen Vorfahren kein "germanischer" Name zu finden ist, wurde seine Tochter natürlich systemtreu auf den germanischen Namen Gerlinde getauft.
    Im April 1945 wurde Wien von russischen Truppen besetzt, im Mai schließlich kapitulierte Hitler-Deutschland endgültig. Im selben Monat wurde das zweite Kind von Franz Mann gezeugt und im Februar 1946 erblickte sein Sohn das Licht der Welt. Ohne zwingenden Grund und obwohl zu dieser Zeit weder nötig noch üblich, da das Regime längst Geschichte war, erhielt dieser neue Erdenbürger ebenfalls einen strammen, nordisch-germanischen Namen - Gerhard.

    Wie gesagt - dies dient keinesfalls als Beweis für die innere Einstellung einer längst verstorbenen Person, kann aber durchaus als Indiz gewertet werden.

Die späteren hitzigen und fallweise sogar handgreiflichen Diskussionen mit meinem Vater Max Günsberg, der ja seine gesamte Familie im Holocaust verloren hatte, sind jedenfalls mehr als verständlich, obwohl er ganz sicher so gut wie nichts von seiner NS-Vergangenheit preisgab. Das große Schweigen diesbezüglich war in Österreich weitläufig akkordiert und de facto Staatsräson. Es dauert im Grunde bis heute an.
Seine Kinder hatten jedenfalls bis an deren Lebensende 2014 (meine Mutter Gerlinde Günsberg) bzw. 2020 (mein Onkel Gerhard Mann) bestenfalls Vermutungen, hingegen keine auch nur annähernde Kenntnis davon, da mir die unterhalb angeführten Akten erst 2022/2023 zugänglich wurden.

Für mich war der Franzl  trotzdem der liebste Opa, den man sich vorstellen kann. Er starb 1970, als ich 6 Jahre alt war.


Link zum [NS-Registrierungsakt]

Link zum [Gauakt]